Kontakt

Marlies Jannsen, Margarete-Peters-Weg 16, 25889 Witzwort, Tel. 100866

Klaus-Peter Thoms, Babensweg 4, Tel. 762

Angela Jansen, Nordenderweg 2, 0160-4981685, aja(at)fraujansen.de

Serie im Amtsblatt: 2014

36. Der Schatz aus der Zuckerdose

Im Mai 2013 erhielt die Archivgruppe einen Brief aus Kelkheim in Hessen: „Alte Witzwort-Urlauber – 1972 bis ca. 1985 – waren über zwanzig Mal bei unseren „Ersatz-Oma/Opa“ unserer Kinder. Oma Magda John vererbte uns einmal bei einem Abschied eine Zuckerdose von ihrem Geschirr, die einen Ehrenplatz in unserem Regal hat. Nach so langer Zeit finden wir nun beim näheren Hinsehen diese Sachen, die wir Ihnen beiliegend zuschicken. Falls Sie Verwendung finden, würde uns das freuen. Im Übrigen erinnern wir uns noch immer gern an Euer Witzwort und das heimelige Reetdachhaus der Johns zurück. Liebe Grüße, Familie Niegemann“.

Und woraus besteht nun der Schatz aus der Zuckerdose? Aus Beitragsmarken des Reichsbunds im Gegenwert von 620 DM und einem Formular, aus dem hervorgeht, dass insgesamt 400 Beitragsmarken am 11. Juni 1959 ausgegeben wurden. Der Abschnitt, auf dem die Witzworter Ortsgruppe den Erhalt der Marken quittieren sollte, ist noch nicht vom Formular abgetrennt. Fast 30 Jahre lang schlummerten die Marken in ihrem Versteck in Kelkheim – verrückt, dass erst nach so langer Zeit jemand in die Dose schaute und den Schatz „hob“.
 
Ob Werner John die Marken nie vermisst hat? Da er lange über 1959 hinaus im Reichsbund (heute Sozialverband) aktiv war, scheint die Beitragskassierung offensichtlich auch ohne diese Marken weiter funktioniert zu haben. John war Reichsbund-Vorsitzender in Witzwort von 1951 bis 1989. Auch sonst engagierte er sich aktiv im Dorf: in der SPD, als stellvertretender Bürgermeister, im TSV – dessen Spielmannszug er gründete und jahrelang leitete –, im Ortskulturring und nicht zuletzt im Boßelverein und im Kirchenchor. Der 1909 in Dresden geborene war 1946 als Kriegsversehrter nach Witzwort gekommen und hatte hier die Einheimische Magda Lesch geheiratet. Das Paar lebte in der Dorfstraße 4. Magda John starb 1988, Werner John 1992.  

 

37. Lehrer Lensch und die Jagdfreunde 

„Einigen lieben Jagdfreunden. Eine wahre Geschichte, die sich um das Jahr 1890 in der Gemeinde Witzwort im Johann-Adolfs-Koog zugetragen hat.

Oh, Lampe, nicht vor Februar gejubelt / denn es droht Gefahr. / Vier Jäger ziehn bewaffnet aus, / es lüstet sie nach Hasenschmaus.

Huch, was lugt denn da hervor? / Wahrscheinlich ist’s ein Langohr! / Ein Fuchs wohl gar? Wart böses Tier / Du kommst in ein verkehrt Revier!

Ganz sachte hinterm Deich gedrückt / Damit das Tier uns nicht erblickt / Drei Jäger liegen mit gespanntem Hahn / Der vierte treibt das Tier heran.

Puff, au, der Schuss traf schwer. / Doch flitzt es noch an der Kette her / das arme Tier, ach da erst droht / Verderben Dir und sichrer Tod.

Puff, wieder hallt ein sichrer Schuss / ha, wie das Blut so reichlich floss / Die Jäger jubeln fröhlich auf / Sie sammeln eilig sich zu Hauf.

Doch als die Beut sie sich besehn / Was meint Ihr, was sie da gesehn? / Ein Hase? Ein Fuchs wohl gar? Nein, falsch mein Rater / es war nur Junkers gelber Kater!“

Dieses Gedicht hebt Heinrich Alberts seit Jahren – wahrscheinlich seit Jahrzehnten – in seinem Portemonnaie auf, immer bereit, es in geselliger Runde zum Besten zu geben. Vor ihm hat es schon Bernhard Grage in Jägerkreisen vorgetragen. Lehrer Lensch, der von 1875 bis 1909 an der Witzworter Schule unterrichtete, dichtete es auf Basis einer wahren Begebenheit. Da die beteiligten Personen seinen Zeitgenossen sicher bekannt waren, dürfte sich Lensch mit diesem Spottgedicht nicht nur Freunde gemacht haben. Die Jäger kamen aus Reimersbude und Umgebung:  Johann Jürgen Lorenzen, Hof- und Ziegeleibesitzer, (Reimersbude 12), Hans-Adolph Adolphs (Reimersbude 9) und ein Knutz, möglicherweise Ingwer Claus Knutz vom Kringelkrug. Der erlegte Kater hatte vermutlich vorher Mäuse auf dem Hof von Asmus Junker gejagt, dessen Haus auf dem nördlichen Deich des Johann-Adolfs-Kooges stand, an der Abzweigung zum Alsenhof. Junker stellte vielleicht das vierte Mitglied der Jagdgesellschaft. Das Foto zeigt Lensch 1909 inmitten seiner Schüler im 34. und letzten Dienstjahr seiner Lehrerlaufbahn. Seine Brust schmückt das Kreuz des Allgemeinen Ehrenzeichens, das Beamten für 30 Jahre treue Dienste verliehen wurde. Heinrich Alberts, Angela Jansen

 

38. Die Reisetagebücher der Schule Ingwershörn

Im Kreisarchiv Nordfriesland finden sich zwei wunderschöne Reisetagebücher aus den 1950er Jahren. Die Din A 4-Kladden enthalten handschriftliche Beiträge der Schülerinnen und Schüler zu verschiedenen Themen und Erlebnissen auf ihren Klassenfahrten. Die Bücher wurden mit Postkarten und selbst gemalten Bildern ausgeschmückt und gingen dann selbst auf Reisen: nach¬einander in alle Elternhäuser, um den Eltern von der Fahrt zu berichten. Reiseleiter war der Lehrer Johannes Hahn. Er hat es offensichtlich geschafft, die Schüler für die Buchprojekte zu begeistern, denn die Texte sind nicht nur sehr ordentlich geschrieben, sondern auch lebendig formuliert und als Zeichner haben sich auch die Jungs sehr engagiert.

Das berichten die Schüler von ihrem Schullandheimaufenthalt in Glücksburg im August 1952:
Stadtbummel in Flensburg: „Dann gingen wir zum Südermarkt, um dort das Glockenspiel zu hören, aber hier hatten wir Pech: Vom Glockenspiel hörten wir nichts, denn es war kaputt“ (Jule Stahl).

Ankunft im Schullandheim: „Als wir im Schullandheim ankamen, wurden wir herzlich von Herrn Müller begrüßt. Herr Müller ging mit uns in den Waschraum und erklärte uns alles, was wir nicht durften. Wir durften keine Klimmzüge an der Kette von der Toilette machen, wie die Gorillas“ (Walter Manthe).

Schlossbesichtigung: „Oben an der Decke waren sechsmal die dreiundzwanzig Kinder Herzog Hans des Jüngeren abgebildet und zwölfmal der Kopf des Baumeisters. Dann kamen wir in den weißen Saal, da war ein Tisch, an dem 100 Mann dran sitzen konnten. Auch waren hier 2 Spiegel, die sich gegenüberhingen, da konnte man sich 24 x erkennen“ (Willi Jannsen).  

Naturbeobachtung: „Wir beobachteten ein Wasserhuhn, das immer auf dem Wasser schwamm und Mücken fing. Wie wir dann aber klatschten, tauchte es unter und kam an einer ganz anderen Stelle wieder hoch. Es tat uns leid, wie die 10 Minuten um waren, denn wir hätten das kleine Tier gerne noch etwas länger beobachtet“ (Günter Perlick).

Und auch der Lehrer kriegt sein Fett weg: „Eben vorm Westerwerk am Seerosenteich fanden wir eine Blume, die kannten wir nicht, und Herr Hahn kannte die Blume auch nicht. (…) Als wir im Schullandheim angelangt waren, guckte Herr Hahn in seinem Blumenbuch nach, worin alle Blumen waren. Aber bloß diese Blume war nicht in diesem Blumenbuch drin“ (Walter Ingwersen).   

Bei der Weserfahrt im Mai 1954 wurde auch die Karosseriefabrik in Bückeburg besichtigt. Die Firma Harmening baute Busse, Lastwagen und Anhänger. Die einzelnen Produktionsschritte hat Peter Petersen in seiner Zeichnung genau festgehalten. Quelle: Kreisarchiv Husum 

 

39. Die Streithammelpolka

1946 schickte der in Witzwort lebende Albert (genannt Bert) John dem damaligen Landrat des Kreises Nordfriesland, Dr. Wulff, das selbst komponierte Musikstück „Streithammel“ und schrieb dazu: „Sehr geehrter Herr Doktor! Aus meinen größeren Kompositionen riss mich der Streit mit der hiesigen Gemeinde. Den Niederschlag Ihnen zu überreichen, ist für mich Herzenssache. Ich bitte Sie, diese kleine Aufmerksamkeit anzunehmen u. über den äußeren Rahmen hinwegzusehen. Leider fehlt es mir an Papier, Federn u. der richtigen Tinte, sonst hätte ich schon lange die Reinschrift einer größeren Arbeit für Ihre Sorge u. Mühe um die edle Kunst überreicht. Gern hätte ich auch Orchesterstimmen dazu geschrieben, aber, es fehlt an allem. In der Hoffnung, dass Ihnen die kleine Polka Freude bereitet, verbleibe ich als Ihr ergebener Bert John“.  

Dass der studierte Musiker Bert John eigens für den Landrat die Streithammel-Polka komponiert hatte, führte allerdings nicht zu einem Erfolg in der Sache. Denn seine Beschwerde  gegen Artur Dohm, Angestellter der Gemeindeverwaltung, wurde abgewiesen. John wohnte bei Lesch in der Dorfstraße 4 und spielte als Pianist bei Tanzveranstaltungen. Die Säle in Witzwort standen aber nicht für solche „Vergnügungen“ zur Verfügung, weil sie mit Flüchtlingen belegt waren. Nun war John der Meinung, dass der Angestellte der Gemeinde, Artur Dohm, bestimmte Bauern von Einquartierungen frei hielt und dafür in Naturalien „bezahlt“ wurde.

Zu dem Vorwurf äußerten sich bei Bürgermeister Bernhard Grage verschiedene Zeugen, jeweils mit ihrer eigenen Version: So erzählte Peter Johannsen, ehemaliger Wachtmeister, von einem Gespräch zwischen Kaufmann Becker (Dorfstraße 23) und Landwirt Bundies (Ingwershörner Deich 1), in dem Bundies gesagt habe: „Solange ich Dohm Eier gegeben habe, habe ich keine Flüchtlinge bekommen. Wie das aufhielt, bekam ich bald Flüchtlinge.“ Peter Bundies widersprach: „Ich habe niemals Herrn Dohm Eier gegeben und auch diese Äußerung nie gemacht“. Die Fischersfrau Hedwig Franzen (Siethwende 5) gab in diesem Zusammenhang an, dass Dohm sie nach Fischen gefragt habe. Sie habe geantwortet: „Wenn, dann für alle.“ Daraufhin habe Dohm ihr Bezugsscheine angeboten, wenn sie ihn bevorzugt mit Fischen versorgen würde. Das lehnten sie und ihr Mann aber ab. Auf die Seite Artur Dohms stellte sich Gemeindedirektor Hans Christiansen (Ecke Siethwende/B5). Er bewertete dessen Leistungen für die Gemeinde und im Flüchtlingsausschuss positiv. John denke dagegen an nichts anderes als an seinen Verdienst und wolle deshalb die Flüchtlinge aus den Sälen raushaben – dabei hätten die gar keine Schuhe zum Tanzen.
Bert Johns Tochter Karen Vondran war sehr erstaunt, von dem Musikstück und seiner Geschichte zu hören. Sie schrieb uns: „Als ich die Abschrift des Briefes meines Vaters zur Streithammelpolka und die Erklärung des Sachstandes las, musste ich schon ein wenig schmunzeln. Für mich hat die ganze Angelegenheit eine humorige Seite, die auch zu seiner Art von Humor passte.“  Am diesjährigen Dorfabend der Archivgruppe trug Peter Lesch die Geschichte der Streithammelpolka vor und Marta Radcke präsentierte das kunstvoll komponierte Stück brillant auf dem Akkordeon.

Das Foto zeigt Bert John beim Kinderfest in Oldenswort, ca. 1949 mit seiner Tochter Karen und einen Ausschnitt des Notenblatts der Streithammelpolka.

 

40. Das Auto in der Schusterwerkstatt

Das Haus Dorfstraße 34 wurde 1870 gebaut. In seiner ursprünglichen Form hatte es ein Krüppel-walmdach (siehe Foto oben rechts von 1910). Ende des 19. Jahrhunderts gab es hier eine Kneipe und Herberge. Schankwirt war Jakob Jürgens. Hier trafen sich Handwerksgesellen und Wanderarbeiter. Die Gaststätte war wohl oft Schauplatz wilden Lebens, mit Besäufnissen und Prügeleien.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wohnte hier Johannes Peters mit seiner Frau. Das Haus war über 100 Jahre im Besitz der Familie. „Hanne Schuster“ hatte hier seine Schusterwerkstatt. Wegen seiner undeutlichen Aussprache wurde er auch „Hanne Hu“ genannt.

Im Dezember 1978 zertrümmerte ein Auto die Hausfassade (siehe großes Foto). Die Lokalzeitung schrieb dazu am 23.12.1978: „In der Nacht zum Freitag geriet gegen ein Uhr ein Pkw wegen überhöhter Geschwindigkeit nach Durchfahren einer Kurve gegen einen parkenden Pkw und raste danach gegen eine Hauswand. Dabei wurde das Gebäude erheblich beschädigt und die Möbel zertrümmert, am Pkw entstand Totalschaden. Der 20-jährige Pkw-Fahrer musste verletzt in das Tönninger Krankenhaus eingeliefert werden. Dort stellte man fest, dass er keinen Führerschein besitzt und vermutlich unter Alkoholeinfluss stand.“ Noch in derselben Nacht rückte das Technische Hilfswerk an, um die Giebelwand abzustützen. Die Bewohner, die im hinteren Zimmer schliefen, blieben zum Glück unverletzt. Nach dem Unfall spielte das Autoradio noch. Da fragte man Johannes Peters: „Hanne Hu, hast Du Dein Radio nicht ausgemacht?“  

 

41. Mehr als 1000 Kindern in die Welt geholfen

Elisabeth Hogrefe, geb. Barharn, war in Witzwort 40 Jahre lang als Hebamme tätig – von 1902 bis 1942. Auf dem Foto sitzt sie in Hebammentracht rechts neben einer Kollegin. Das Foto entstand vermutlich anlässlich ihrer bestandenen Prüfung 1902 in Kiel.

Elisabeth Hogrefe wurde am 30. März 1876 in Süderstapel geboren und starb im Dezember 1959 in Witzwort. 1899 heiratete sie den Witzworter Schmied Peter Hogrefe. Als sie 1901 zum Hebammenlehr-kursus in Kiel zugelassen wurde, war sie bereits Mutter eines Kindes. Es gab zu dieser Zeit in Deutschland 40 Hebammenschulen. Die Ausbildung in einem Universitätskrankenhaus oder in einer Entbindungsanstalt dauerte in der Regel ein halbes Jahr. Gelehrt wurden Theorie und Praxis der Geburtshilfe. Mit dem Bestehen der Abschlussprüfung erhielt die Hebamme ihre Approbation, d.h. die staatliche Zulassung für ihre Tätigkeit. Für künftige Hebammen galten strenge Aufnahmebedingungen: „Alter zwischen 20 und 30 Jahren (Geburtsschein), unbescholtener Ruf (polizeiliches Führungszeugnis; Personen, die außerehelich geboren haben, sind abzuweisen), körperliche Gesundheit und genügende geistige Befähigung bei ausreichender Kenntnis in den elementaren Schulfächern (amtsärztliches Attest)“. So ist es im Brockhaus-Lexikon von 1908 nachzulesen.

Die Arbeit einer Hebamme muss damals äußerst anstrengend gewesen sein. Es gab keine Autos, kaum befestigten Wege und Telefone. Wenn Elisabeth Hogrefe zu einer Geburt gerufen wurde, so ritt der künftige Vater oder ein anderes Haushaltsmitglied zur Hebamme, um sie zu holen – im Notfall saß sie hinten auf dem Pferd auf oder wurde mit einem Wagen abgeholt. Bei der Geburt war sie meistens auf sich allein gestellt – man konnte nicht mal schnell einen Arzt oder Rettungswagen holen…

Auch damals schon musste die Hebamme über jede Geburt Buch führen. Ihr Tagebuch wurde jährlich durch den Kreisarzt kontrolliert. Elisabeth Hogrefes Hebammen-Tagebücher sind fast lückenlos erhalten – da findet man so manchen Witzworter wieder!

Die Anregung zum Hebammenberuf erhielt Elisabeth Hogrefe vermutlich durch die Pastorenfamilie  Esmarch, mit der sie als Kindermädchen von Süderstapel 1896 nach Altona zog. Ernst Esmarch hatte die gute Schülerin ermutigt, einen Beruf zu ergreifen. Es war damals üblich, dass die Pastorenfrau junge Mütter und ihre Familien in der ersten Woche mit Mittagessen versorgte. Vielleicht hat sie bei einer solchen Begegnung Interesse für den Beruf entwickelt.

Elisabeth Hogrefe hat mehr als 1000 Kindern in die Welt geholfen – eine beeindruckende Bilanz. Sie selbst war stolz darauf, am Ende ihres langen Berufslebens eine eigene Rente zu erhalten – für Frauen zur damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit. Inge Claussen, Angela Jansen

 

42: 1969: Ein besonderes Fußballspiel

Auch in Witzwort wurde Fußballgeschichte geschrieben! Der damalige TSV-Schriftführer Werner John berichtete über ein außergewöhnliches Fußballspiel vor 45 Jahren am 10. August 1969: „Der Turn- und Spielverein von 1926 Witzwort führte am Sonntag bei schönstem Wetter auf dem Rasensportplatz ein lustiges Fußballspiel Witzwort Süden gegen Norden durch. Bedingung war dabei, dass keiner der Spieler ein Fußballspieler sein durfte. Die Mannschaftspieler gaben ihre Liste ab, dabei stellte sich heraus, dass die eine Mannschaft noch nicht elf Spieler nachweisen konnte. Diesem ÜbeIstand war recht schnell abgeholfen, denn aus der Zuschauermenge waren schnell die fehlenden Spieler ersetzt, demzufolge waren die Spieler auch nicht mit einem Dress sondern langer Hose und entblößtem Oberkörper bekleidet. Der Veranstalter wusste um die Spielerfähigkeiten, denn keiner der Spieler, auch der Bürgermeister nicht, durften Lederschuh- oder gar Fußballschuhbekleidung tragen. Wer keine Turnschuhe hatte, spielte barfuß.

Der Vorsitzende Karl Sievers fungierte als Schiedsrichter. Es war wahrhaftig keine leichte Aufgebe, denn der oder jener spielten mit einem Eifer wie es Fußballprofis uns im Fernsehen zeigen, andere wieder hatten von der Spielregel überhaupt keine Ahnung, im Tor standen beleibte oder steif anzuschauende Größen, die den Ball wohl kommen sahen, aber sich nicht nach ihm bücken konnten und mit dem Fuß so ungewandt waren, dass das Leder eben langsam ins Netz rollen musste. Es kam auch vor, dass die Spieler die Seite verwechselten und somit ein Eigentor fabrizierten, natürlich zum Gaudium der Zuschauer, für sie selbst aber ungewollt. Den größten Spaß an der Sache hatte wohl die Jugend, die eifrig diskutierend dieses Spiel in allen Phasen verfolgte. Der Beifall und das Aaaaj und Ooooh übertönte oft die jämmerlich klingende Schiedsrichterpfeife und dennoch hatte Sievers das Spiel fest in der Hand, immer darauf trachtend, auch denjenigen Spielern das Fußballspiel nahe zu bringen, die ahnungslos das Leder traten.

Jedenfalls ist hier nicht interessant welche von den beiden Parteien den Sieg erfochten hat, wichtig ist dabei, dass das Spiel Freude machte, für die Spieler aIs auch die Zuschauer, dass der Verein seinen Zweck erreicht hat und dass alle diejenigen, deren Zwerchfell zu sehr strapaziert wurde, sich einigermaßen gut erholt haben.“

Auf dem Foto konnten wir bisher folgende Personen identifizieren: (von links): Cornils, 7 Personen nicht bekannt, Behrend Becker, ?, Klaus Thoms, Karl Sievers, 9 Personen unbekannt, Walter Nissen, ?, Ernst Behm.

 

43: Vor 61 Jahren: Klassenausflug nach Hallig Hooge

In den Reisetagebüchern der Schule Ingwershörn (siehe Witzwort vertellt Nr. 38) findet sich auch ein Bericht über einen Klassenausflug mit Lehrer Johannes Hahn und seiner Frau nach Hallig Hooge im August 1953.

Jule Stahl berichtet: „Als wir auf Hooge ankamen, war es recht diesig und wir hatten zum Laufen gar keine Lust. Es sah ja sowieso nicht viel anders aus, als bei uns. Plötzlich merkten wir, dass Thea fehlte.“ Emilie Voß ergänzt: „Werner und Manfred kehrten um und wollten Thea suchen. Sie kamen auch schon nach 20 Minuten mit ihr an. Thea hatte uns verloren und war auf dem Motorschiff geblieben, das nach Amrum und Langeneß abgefahren war. Dann hatte sie es gemerkt und dem Kapitän gesagt. Er war dann noch einmal umgekehrt und hatte Thea abgeladen.“

Über das Halligleben und den Einzug des technischen Fortschritts schreibt Reimer Peters: „Auf Hooge sind viele neue Maschinen zu finden: elektrisches Licht, Mähmaschinen, Harkmaschinen und andere Maschinen mehr. Diese Modernisierung wurde von Peter Diedrichsen durchgeführt. Darum hatte sich auch ein Halligdichter so mit Peter Diedrichsen erzürnt. Dieser Halligdichter war immer dagegen, dass die Hallig Hooge gegen das Meer geschützt werden sollte. Der Halligdichter (Wilhelm) Lobsien mochte lieber das Natürliche. Peter Diedrichsen, dem Hooger, war die Hallig lieber, als Lobsien seine Dichtungen von der Hallig. Darum setzte Peter Diedrichsen sich auch so für die Befestigung der Hallig ein. Da liegt der tiefe Grund, dass sich Peter Diedrichsen mit Lobsien entzweite.“

Die Zeichnung stammt von Manfred Manthe und zeigt die Klasse aus dem Ausflugsschiff „Stadt Husum“, das er übrigens sehr wirklichkeitstreu dargestellt hat. Dieses Schiff – 26,4 Meter lang und fünf Meter breit – war 1912 für die Fahrt auf Flüssen gebaut worden. Seit 1937 setzte es die Husumer Motorschiffsgenossenschaft unter dem Namen „Stadt Husum“ ein. Nach der Nutzung im Krieg als Küstenwachboot der Marine fuhr die „Stadt Husum“ dann wieder durch die Insel- und Halligwelt. 1963 sank das Schiff nach einem Werftaufenthalt mitten im Husumer Hafen und war nicht mehr herzurichten.

Quelle: Kreisarchiv Husum, Husumer Nachrichten  

 

44: Die Bäckerei im Glockensteg

Das Haus ist 1881 als Bäckerei erbaut worden. Zunächst war hier Bäcker Thamsen tätig. Seit 1938 ist die Bäckerei im Besitz einer Familie: Bruno Boysen kaufte sie zusammen mit seiner Mutter von Bäcker Paysen. Nach dem Krieg heiratete er Nanny Boysen. Boysens Nichte Carla übernahm 1965 mit ihrem Mann Reinhard Ploog den Betrieb.    

Als Kind war Carla Ploog oft in Witzwort bei Tante und Onkel – und hat hier von Gretchen Agge um 1950 das Fahrradfahren gelernt. Als Onkel Bruno sie dann mit dem Fahrrad, das er ihr geschenkt hatte, zurück nach Fahretoft gebracht hatte, wollte Carla ihrer Mutter ganz stolz die neuen Fahrkünste vorführen. Von der Warft runter ging es ganz leicht, aber ein bisschen schnell, so dass sie nur noch das Heckloch ansteuern konnte und dann geradewegs im Graben landete. Das Bremsen hatte sie im flachen Witzwort nicht gelernt.
Mit einem Fahrrad, das vorne einen großen Kasten hatte, in dem die frischen Brote lagen, fuhr Bruno Boysen die Bäckerwaren im Dorf aus. Nichte Carla durfte dann schon mal oben auf dem Kasten thronen. Der Onkel kutschierte sie und sang dazu „An de Eck steiht ´n Jung mit´n Tüddelband“ oder das Lied von den Fröschen: „Die Frösche, die Frösche, ist das nicht wunderbar? Die brauchen sich nicht zu kämmen, die ham ja gar kein Haar…“. Bruno Boysen liebte es zu singen, er war auch Mitglied in der Witzworter Liedertafel. Bei Festlichkeiten trug er gern die „Kattenhochtied“ vor. Als Rentner wohnten die Boysens am Rosenmarkt (Nr. 1).

Als Pastor Wulf neu in Witzwort war und noch unverheiratet, kriegte er öfters bei Nanny Boysen Mittagstisch. Und war der Tisch schon voll besetzt, dann nahm er auf der Treppe in der Backstube Platz, froh, ein warmes Essen zu kriegen.

Bis in die 1990er Jahre lieferte die Bäckerei zweimal wöchentlich auch in den Außenbereich. 1996 übernahmen dann Michael Reimers und seine Frau Birte, geb. Ploog, die Bäckerei. Sie mussten Ende 2002 schließen, da Bäcker Reimers seinen Beruf krankheitsbedingt nicht mehr ausüben konnte und sich kein Käufer für den Betrieb finden ließ. Zum reinen Wohnhaus umgebaut, dient die alte Bäckerei heute den Familien Ploog und Reimers als Zuhause. Und im Treppenaufgang hängen vier Kachelkunstwerke, die von Veronika Hambruch geschaffen wurden. Sie zeigen die verschiedenen Bauzustände des Bäckerhauses. Veronika Hambruch war die Frau von Pastor Hambruch, der von 1976 bis 1979 in Witzwort tätig war. Auf der hier gezeigten Kachel hat sie 1979 die Bäckerei und ihr Umfeld dargestellt – detailgenau mit dem Ladeneingang, der Friedhofskapelle, die heute als Garage dient, und sogar mit dem VW Käfer von Gerd Wilhelm Strangmeyer, der damals im ersten Stock der Bäckerei wohnte.   

 

45: 50 Jahre Ortskulturring

Am 18. November 1964 wurde der Ortskulturring Witzwort gegründet. Im Gründungsprotokoll steht: „Der Bürgermeister der Gemeinde, Herr Behm, rief am Abend des Buß- und Bettages die Vorsitzenden der Vereine des Dorfes Witzwort zu einer Besprechung zusammen, mit dem Ziel, die Termine der Festlichkeiten untereinander und mit den Wirten zu koordinieren. Bei dieser Zusammenkunft wurde einstimmig beschlossen, alle Vereine in einem Ortskulturring zusammenzuschließen.“

1. Vorsitzender und Schriftührer des Ortskulturringes (OKR) wurde der Lehrer Peter Godt, sein Stellvertreter Georg Claussen. Diese Vereine und ihre Vertreter waren Gründungsmitglieder:
•    Turn- und Spielverein: Horst Schulz
•    Boßelverein: Behrend Becker
•    Heimatbund: Ludwig Oesau
•    Kleingärtner-Verein: Willy Weidemann
•    Reichsbund: Werner John
•    Feuerwehr: Ernst Behm
•    Ringreiter: Georg Claussen
Zum OKR gehören auch der Bürgermeister der politischen Gemeinde und der Pastor der kirchlichen Gemeinde.

Die erste Veranstaltung des neuen OKR war ein Dorfabend im Rahmen der Witzworter Dorfwoche im Mai 1965. Das Plakat, von dem hier ein Ausschnitt gezeigt wird, lud zu einem weiteren Dorfabend im März 1966 ein. Gezeichnet hat es Werner John, der mittlerweile den Schriftführerposten übernommen hatte. Heute heißt es Ortskulturring Witzwort-Uelvesbüll, und in den jährlich erscheinenden Veranstaltungskalender werden beide Gemeinden miteinbezogen. Sein 50. Jubiläum wird der Ortskulturring auf dem Dorffest 2015 feiern. Die neuere Geschichte des OKR ist Bestandteil der erweiterten Chronik von Witzwort, die zum Dorffest fertig gestellt wird.   

 

46: Werner Peters und das Eiderstedter HeckEiderstedter Heck

Mitte der 1990er Jahre startete der Eiderstedter Heimatbund eine Initiative, um auf das Verschwinden der traditionellen Hecktore aufmerksam zu machen. Nach und nach wurden diese Tore durch Rohrgestänge ersetzt, die billiger und haltbarer waren und durch die auch große Landmaschinen durchpassten. Zwei Typen waren in Eiderstedt verbreitet: das Dithmarscher Heck mit schwerem Querbalken oben und nur einer Diagonalsprosse und das Eiderstedter Heck mit fünf Querbrettern (Schleten) und zwei zum Dreieck geordneten  Diagonalsprossen (Schrägklampen). Gemeinsam ist beiden Torkonstruktionen der massive Unterbau: Die Eichenpfosten reichen bis zu 2 Meter in den Boden, wobei früher der in der Erde steckende Teil unbearbeitet als Baumstamm belassen wurde. Für dieses Projekt erstellte Werner Peters, geb. 1928 in Reimersbude als Sohn des Landmanns Matthias Peters, Bauskizzen der Tore und baute auch ein Modell. Es diente als Vorlage für die später an einigen Stellen in Eiderstedt wieder aufgestellten traditionellen Hecktore. Das Foto von Claus Heitmann zeigt ihn und seinen Kollegen Karl-Heinz Hansen (rechts).

Werner Peters betrieb ein Zimmereigeschäft in Witzwort und war lange in der freiwilligen Feuerwehr aktiv (Wehrführer von 1981-1991). 1998 gründete Peters zusammen mit dem damaligen Schulleiter Reiner Bernhardt die Arbeitsgruppe Chroniküberarbeitung. Sie wollte die vergriffene Chronik überarbeiten und neu herausgeben. Kurz darauf kam der Arbeitskreis in den Besitz der umfangreichen Notizen über Witzwort, die Ludwig Oesau, bei dem Werner Peters übrigens zur Schule gegangen war, angelegt hatte. Begeistert von diesem Fund planten Peters und Bernhardt, diese Texte zu veröffentlichen.

Die beiden setzten sich im Jahr 2000 auch dafür ein, eine Straße im Neubaugebiet nach Oesau zu benennen: „Ab 1946 hat Herr Oesau es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte von Witzwort, alte Chroniken, alte Schriften und andere Unterlagen zu ordnen und aufzuschreiben. (…) Die handschriftlichen Unterlagen und das Original der Chronik von Thomas Jensen wurden der AG Archiv im letzten Jahr wieder übergeben, nachdem sie fast 50 Jahre verschollen war. Nach grober Durchsicht der Unterlagen stellten wir fest, dass uns ein wahrer chronistischer Schatz vorliegt. Somit ist Ludwig Oesau in die Reihe der Witzworter Chronisten einzureihen. Seine Arbeit und sein Name sollte mit der Namensgebung im Bebauungsplan Nr. 4 geehrt werden und der Nachwelt in Erinnerung bleiben“. So schrieben sie an die Gemeindevertretung, die dem Vorschlag zustimmte. Werner Peters starb im April 2001. Er hatte seine Chronikarbeiten nicht abschließen können. Sie – und auch Oesaus Notizen – waren aber für die heutige Archivgruppe wichtige Hilfsmittel zur Erstellung der 2015 erscheinenden erweiterten Chronik.

 
Was tut die Archivgruppe?

Sie ordnet die Archivbestände und sammelt weitere Materialien zur Geschichte des Dorfes. Wer also alte Fotos oder Dokumente hat, ist herzlich eingeladen, Kontakt mit uns aufzunehmen.

Regelmäßiges Treffen

Jeden 1. Donnerstag im Monat, 17 Uhr, Archivraum, Kirchenweg 1c.